Am 17. und 18. April 2026 fand auf dem Stoos eine Veranstaltung statt, die sich generationenübergreifend und interdisziplinär mit Idealvorstellungen einer zeitgemässen Schule auseinandersetzte. Im Rahmen der abschliessenden Gruppenarbeit hatte ich das Vergnügen, mit Franziska Schneider, Jana Geiger und Christiane Daepp zusammenzuarbeiten. Unsere Gespräche und Vorstellungen einer idealen Schule verdichteten wir in der folgenden Darstellung. Als Grundlage für diese Visualisierung diente uns ein Wandornament im Hotel, mit dem sich unsere Auseinandersetzung wunderbar ordnen, verdichten und darstellen liess. Unsere Visualisierung ist einerseits als Raumkonzept, andererseits aber auch als Darstellung der Lernorganisation zu verstehen.
Die folgenden schriftlich festgehaltenen Überlegungen verstehen sich als meine persönliche Nachbereitung und Vertiefung, die im Nachgang an die Veranstaltung auf dem Stoos entstanden sind. Diese Dokumentation darf gerne weitergedacht werden – vor allem von meinen drei Mitstreiterinnen Jana, Franziska und Christiane. Über Feedback und Anregungen würde ich mich natürlich sehr freuen.
Raumkonzept
Unsere Visualisierung stellt zuerst einmal ein Raumkonzept dar. Jana Geiger konnte als Architektin und Fachplanerin für angewandte Architekturpsychologie wichtige Überlegungen beisteuern. Das Raumkonzept gliedert sich folgendermassen:
Das Forum (gelber Punkt) bildet die Mitte des Raumkonzepts. Es bietet Raum für die ganze Lerngemeinschaft. Das Forum dient für gemeinschaftsbildende Aktivitäten und Anlässe. Es schafft Möglichkeiten für die Präsentation von Lernergebnissen und Gelingensnachweisen (z. B. Bühne, Präsentationstechnik, Ausstellungsmöglichkeiten). Es versteht sich aber auch als räumlicher Ausgangspunkt für die Ateliers. Womöglich dient das Forum also auch als Ort des Austauschs zwischen den Lernenden und den Lernbegleiter*innen (z. B. Austauschnischen, Aufbewahrung der persönlichen Lernmaterialien, Lerndokumentationen der Lernenden usw.).
Rund um das Forum ordnen sich die Ateliers (gelb) an. In unserer Idealvorstellung sind wir von 12 Ateliers ausgegangen. Gut möglich, dass sich aber auch immer zwei thematische Ateliers eine Räumlichkeit teilen. Die inhaltliche/thematische Ausgestaltung der Ateliers soll den Bedürfnissen der jeweiligen Einzelschule überlassen werden. Sie können beispielsweise als Fachräume oder Werkstätten dienen. Die Ateliers bieten Raum und Möglichkeiten für Inputs und für die Lagerung der Lern- und Arbeitsmaterialien. Sie sind ausgestattet mit Instrumenten, Werkzeugen und Einrichtungen, die dem jeweiligen Atelier dienen. Gut vorstellbar ist, dass es auch Ateliers gibt, die für die schulische Betreuung und für den Ganztagesbetrieb genutzt werden (Küche, Essraum usw.). Weiterführend kann auch darüber nachgedacht werden, ob ausgewählte Ateliers auch für die Bevölkerung des Dorfes/des Stadtquartiers genutzt werden können (z. B. Co-Working-Space, öffentliche Werkstätten).
An die Ateliers grenzen Räumlichkeiten für Team- und Kleingruppenarbeiten (orange), die mit den Ateliers in direkter Verbindung stehen (vielleicht getrennt durch eine Glasscheibe). Hier können Projektarbeiten konzipiert, ausgearbeitet und vertieft werden. Stellwände, Arbeitstische, Arbeitsnischen und Aufbewahrungsmöglichkeiten bilden wichtige Elemente dieses Bereichs.
Das «äusserste» Raumelement schafft Rückzugsmöglichkeiten, dient zur Erholung oder wird für die konzentrierte Einzelarbeit genutzt (violett). Hier ist es ruhig und bequem. Womöglich gibt es hier Lesesessel, Büchergestelle und Liegemöglichkeiten sowie vereinzelte Arbeitsnischen mit Blick ins Grüne.
Um das Gebäude beziehungsweise die Anlage gibt es geschützte Aussenräume (grün): z. B. ein Spielplatz, ein Natur-/Schulgarten, eine Aussenterrasse usw.
Eine grosszügige Achse durch das ganze Gebäude schafft die Verbindung beziehungsweise Öffnung ins Stadtquartier, ins Dorf, zur Gesellschaft. Auch das Dorf, das Stadtquartier, die Gesellschaft begreifen wir als Lernraum. Die Ateliers fördern und initiieren regelmässige «Expeditionen» in diesen Lernraum.
Lernorganisation
Die einzelnen Räume haben natürlich auch Überlegungen zur gewünschten Lern- und Arbeitsorganisation hervorgebracht. Ich versuche, die einzelnen Ansätze entlang der Raumstruktur zu formulieren:
Forum: Hier trifft sich die Lerngemeinschaft als Ganzes. Im Forum werden Ankündigungen und Würdigungen gemacht, es wird miteinander gesungen und musiziert, es werden die Tagesaktivitäten vorgestellt und Präsentationen abgehalten (Lernprodukte, Gelingensbelege usw.). Im Forum beginnt und endet ein Lern- und Arbeitstag. Gut möglich ist, dass die Lernenden während der Ein- und Austrudelzeit die Ateliers benutzen können. Das Forum ist auch Begegnungs- und Austauschzone für Lernende mit ihren Lernbegleiter*innen. Im Sinne von Coachinggesprächen (z. B. alle 14 Tage) werden Lernfortschritte besprochen und dokumentiert sowie die weiteren Lernaktivitäten und Atelieraufenthalte geplant und koordiniert. Eine Präsentationsgruppe auf dem Stoos formulierte dazu eine spannende Idee: Auf einer «Übersichtskarte» (Raster, Matrix) – zuhanden der einzelnen Lernenden – sind die Basiskompetenzen/-aktivitäten, aber auch das «Kontingent» an Projekt- und Erholungszeiten vermerkt, die während eines Jahres, eines Lernzyklus oder während der ganzen Schulzeit genutzt werden können. Das Forum ist auch Arbeitsort für die Lernbegleiter*innen. Tägliche Austauschzeiten unter den Lernbegleiter*innen ermöglichen den Wissenstransfer zwischen Atelier und Lernbegleitung.
Ateliers: Wie bereits oben formuliert, soll die inhaltliche Ausgestaltung der Ateliers den einzelnen Schulen überlassen sein. So wird es Schulen geben, die auf Fachateliers setzen (Mathe, Sprache, Werken, Gestalten, Musik, Bewegung, NMG usw.). Die Ateliers können aber auch als Spielangebote oder als Werkstätten konzipiert sein. Wichtig ist: Die Ateliers haben einen thematischen Schwerpunkt und werden von Lernbegleiterinnen geführt, die für das jeweilige Themengebiet über die entsprechenden Kompetenzen verfügen und Expertise sowie das «Feuer für die Sache» mitbringen. Ist die Lernbegleiterin im Forum Lerncoach für ausgewählte Lernende, wird sie im Atelier zur Vermittlerin, zur Fachbegleiterin, zur Expertin ihres Faches/Stoffes für alle Lernenden der Schulgemeinschaft, die im Atelier tätig sind. Im Atelier können die Lernenden Basiskompetenzen anhand handlungsorientierter Lernaufgaben/-aktivitäten erwerben, aber auch ihre persönlichen Projekte umsetzen (die einen wichtigen Teil der Übersichtskarte einnehmen, siehe Forum). Die Lernbegleiter*innen geben Inputs, begleiten und koordinieren Projektarbeiten und erarbeiten mit den Lernenden «Lern-Expeditionen» ins Dorf und ins Stadtquartier.
Team- und Kleingruppenarbeiten: Die ans Atelier angrenzenden Räumlichkeiten für die Team- und Kleingruppenarbeiten werden vor allem für die Projektarbeiten genutzt. Diese Raumeinheiten vereinen womöglich gleich zwei bis drei Ateliers und ermöglichen so auch interdisziplinäre Projekte und Lernvorhaben. Die Lernbegleiter*innen der jeweiligen Ateliers begleiten und unterstützen die Projekte (Projektskizze, Design-Thinking-Methode, Dokumentation, Unterstützung bei der Erarbeitung von Präsentationsformen usw.). Es ist davon auszugehen, dass Lernende, die in Projekte involviert sind, mehrere Tage oder gar Wochen in der gleichen Ateliereinheit tätig sind, während Lernende, die an spezifischen Basiskompetenzen (sprich Lernaufgaben) arbeiten, vielleicht nur tageweise im jeweiligen Atelier lernen und arbeiten.
Rückzugsmöglichkeiten/Erholung/konzentrierte Einzelarbeit: Hier können sich die Lernenden zurückziehen und Tätigkeiten nachgehen, die nicht mit den Basiskompetenzen oder Projektarbeiten in Verbindung stehen. Es ist der Ort für «stille» Pausen, für das Lesen und Sinnieren, für zweckfreie Auszeiten. Einzelne Arbeitsnischen sind da für die «stille» Eigentätigkeit.
Geschützte Aussenbereiche: Der Spielplatz, der Natur- und Schulgarten und die Aussenterrasse können für die Erholung und Pausenzeit, aber auch für das Lernen genutzt werden.
Stadtquartier, Dorf, Gesellschaft: Die Lernbegleiterinnen in den Ateliers sind darauf bedacht, das Lernen in die reale Welt zu tragen. Die Lerngegenstände und Lernorte im Dorf und Stadtquartier sind zentraler Bestandteil des schulischen Lernens. Die Lernbegleiterinnen erarbeiten mit den Lernenden Lebensweltbezüge und «Expeditionen» ins Dorf, ins Stadtquartier und in die Natur. Sie stehen den Lernenden dabei auch als Begleitpersonen zur Verfügung (an diesen Halbtagen/Tagen ist das Atelier geschlossen). Die Schule baut sich ein Netzwerk mit zentralen Akteuren im Dorf/im Stadtquartier auf, die als Expert*innen das Lernen der Lernenden bereichern. Dazu gehören: Bauamt, Förster, KMU/Wirtschaft, kulturelle Institutionen, Gemeindeverwaltung usw.
Gemeinschaft
Die Schulgemeinschaft wird durch die täglichen Aktivitäten im Forum gestärkt. Jedoch sollen die Lernenden aktiv an der Ausgestaltung des Gemeinschaftslebens beteiligt werden: Ausflüge organisieren, Feste und Anlässe planen, Bildung von Arbeitsgruppen bei Konflikten (Peacemaker) und Problembearbeitungen (z. B. Abfallteam), Betrieb des Ideenbüros usw. Gemeinschaftsaufgaben/-bedürfnisse werden fortwährend gemeinsam gesammelt und ausgeschrieben, sodass alle Lernenden die Möglichkeit haben, sich aktiv für das Gemeinwohl zu engagieren.
Beeindruckt hat mich auf dem Stoos die Gruppenpräsentation zur Demokratiebildung, welche unbedingt in dieses Konzept einfliessen sollte.
Ausblick Praxis – ein mögliches Szenario
Mit Daniela Schädeli und Francesca Probst hatte ich auf dem Stoos ein kurzes, aber nachklingendes Gespräch über die ideale Grösse einer «Schule», sprich eines «Lernhauses». Wir waren uns einig, dass eine Schule mit 100 bis 120 Lernenden optimal ist. Man kennt sich in dieser Lerngemeinschaft persönlich, und das Ganze hat einen familiären Charakter. Gehen wir bei 100 Lernenden von 6–8 Vollzeitstellen (VZE) aus (gesamtes pädagogisches Personal: Lehrpersonen, Fachlehrpersonen, besondere schulische Förderung), so könnte sich eine Praxisumsetzung für dieses Modell folgendermassen gestalten:
Verantwortliche Lernbegleiterinnen (Lerncoaching): 12–16 Lernende pro Vollzeitstelle (inkl. besondere schulische Förderung).
6 bis 8 Ateliers mit jeweils einer verantwortlichen Lernbegleiterin und 12–16 Lernenden. Da Fachlehrpersonen oft im Teilpensum und häufig auch an Vormittagen arbeiten, kann in diesem Gedankenspiel von 8 Ateliers ausgegangen werden, die zumindest an den Vormittagen betrieben werden (12–13 Lernende pro Atelier). Diese 8 Ateliers könnten sich an einer Schweizer Primarschule folgendermassen gestalten:
- Lese- und Schreibstube, Druckerei (Deutsch)
- Theaterwerkstatt (Deutsch)
- Zahlenraum (Mathe)
- Grösse, Form und Körper (Mathe)
- Entdecken und Forschen (NMG)
- Werken und Malen (TTG, BG)
- Makerspace, Film und Ton (NMG, MI, Deutsch)
- Fremdsprachen (Englisch, Französisch)
Bewegung und Sport könnten Teil des Nachmittagsangebots sein. Das Atelierangebot am Nachmittag wäre reduziert.
Ganztagesschule: Weitere Lernateliers könnten bei einer Ganztagesschule durch das Betreuungsangebot generiert werden (da zusätzliches Personal): z. B. Mitarbeit in der Küche, im Garten, bei der Raumpflege, Tätigkeiten für die Gemeinschaft usw.
Raumkonzept: Mit diesem Konzept werden neue Raumgrössen und Raumanordnungen angestrebt. Die Ateliers dürften im Vergleich zu klassischen Schulzimmern eher kleiner ausfallen. Zusätzlich braucht es aber Platz für die Team- und Kleingruppenarbeit sowie für die Erholungs- und Rückzugsmöglichkeiten. Grosszügig sollte das Forum gestaltet sein (vergleichsweise in den Dimensionen einer Aula).